Geschichte des Domherrenhauses in Wiener Neustadt

Der Schinder und St. Erasmus in der Glorie

Wenn auch der Titel anders lautet, geziemt es sich doch, dem heiligen Erasmus den Vortritt zu geben.

Im Mittelalter bildete der Glaube den Mittelpunkt des Lebens. Die prächtigen und auch für unsere Zeit noch gewaltigen Kirchenbauten, die aus dem Mittelalter stammen, geben davon ausdrucksvolles Zeugnis. Dabei ist aber hervorzuheben, daß diese Bauten zum großen Teil aus freiwilligen Spenden errichtet wurden, während die heute von der öffentlichen Hand errichteten Baulichkeiten aus Steuergeldern bezahlt werden. Fast kein Bürger verstarb, ohne in sein Testament ein seinem Vermögen angepaßtes Legat für diese Zwecke aufgenommen zu haben. Von sehr reichen Bürgern wissen wir, daß sie sogar einen Altar stifteten. Mit einer solchen Stiftung ist aber nicht nur der Altar als solcher gemeint. Zu einer Altarstiftung gehörte vor allem ein Vermögen, dessen Erträgnis hinreichen mußte, einen eigenen Geistlichen für diesen Altar zu bestellen. Dieser Geistliche übernahm damit die Verpflichtung, an dem gestifteten Altar Messen für das Seelenheil des Stifters, seiner Vorfahren und Nachkommen zu lesen. Weil diese Geistlichen zur normalen Seelensorge nicht herangezogen wurden, nannte man sie Altaristen, meist aber Benefiziaten, die Stiftung selbst Benefizium. Das Stiftungsvermögen bestand in der Regel nicht aus Bargeld, sondern aus Liegenschaften, wie Bauerngütern, Weingärten u. ä., deren Ertrag den Benefiziaten zugute kam.

Eine dieser vielen Stiftungen (um die Mitte des 15. Jahrhunderts gab es derer in Neustadt ungefähr dreißig), war das St. Erasmusstift oder St. Erasmusbenefizium, dessen Altar in der Kapelle des (Bürger-) Spitals stand. Sein Stifter war Wernhard der Kromel. Er war einer der reichsten Bürger seiner Zeit, war wiederholt Bürgermeister und starb um 1400. Er dürfte ohne Hinterlassung von Leibeserben gestorben sein, denn sein Haus an der Nordseite der Ungargasse erscheint später in der Gewer Kaiser Friedrichs III., so daß anzunehmen ist, daß es als erblos dem Stadtherrn, eben dem Kaiser, heimgefallen war.

Das Erasmusbenefizium war reich bestiftet. Nach seinem Grundbuch von 1575 (bis zur Erlassung des Grundbuchgesetzes von 1871 wurden die Grundbücher nicht von den Gerichten, sondern von den einzelnen Grundherrschaften geführt), gehörten zu diesem Benefizium 9 Bauerngüter, 2 Höfe, das sind große Bauerngüter, 1 Hofstatt, das ist eine kleine Wirtschaft, alle mit den dazugehörigen Hausgründen, weiters 5 Weingärten, 5 Gärten, 10 Krautgärten, Äcker und Wiesen und 2 Wälder. Alle diese lagen zerstreut in den Dörfern Thernberg, Ofenbach, Schleinz, Erlach, Lanzenkirchen, Katzelsdorf, Fischau, Brunn, Dreistetten und in Neustadt selbst. Darüber hinaus gehörte zur Stiftung noch ein Haus in Neustadt in der Paumgartstraß, heute Herrengasse 15, das als Wohnhaus für den Benefiziaten bestimmt war.

Die Reformation, die auch vor Neustadt nicht Halt machte, riß eine tiefe Zäsur in das kirchliche Leben der Stadt. Nicht nur, daß der größte Teil der Neustädter selbst dem neuen Glauben zuliefen, brachte sie einen Priestermangel mit sich, so daß viele Benefizien nicht mehr mit einem eigenen Geistlichen besetzt werden konnten und jeder Benefiziat 2 und 3 bis 6 Benefizien in einer Hand vereinigte.

So hören wir aus 1544, daß Herr Mathes Schönman neben dem St.-Erasmus- Benefizium auch das sogenannte Jüdl-Stift genoß. Im Jahre 1463 wurde in der Pfarrkirche zu den schon dort bestandenen zwei Marienaltären noch ein dritter gestiftet, der wahrscheinlich in der nördlichen Seitenkapelle des Querschiffes errichtet wurde. Der Stifter dieses Altares war Lienhard Jüdl, ein reicher Kaufmann. Er besaß unter anderem auch das der Kronenapotheke gegenüberliegende Eckhaus (Hauptplatz 14), das sich damals auch über das Nebenhaus (Hauptplatz Nr. 15) erstreckte.

Über die Herkunft Jüdls wissen wir nichts. Nur aus seinem Namen kann man schließen, daß er jüdischer Abstammung war. Eine Ausweisung der Juden aus Wien „Die große Geserah“ im Jahre 1421, bewog manche Juden, ihr Heil in der Taufe zu suchen, um einem ähnlichen Schicksal zu entgehen. Bei Berücksichtigung des Zeitunterschiedes muß man annehmen, daß Jüdl ebenso wie der Hofgoldschmied Kaiser Friedrichs III., Heinrich Mayrhirß, von schon getauften Eltern abstammte. Besonders der Name Mayrhirß ist eindeutig jüdisch: Meir(ben) Hirß.

Die Vereinigung des Erasmusbenefiziums mit dem Marienbenefizium (Jüdlstift) blieb von der Mitte des 16. Jahrhunderts an eine dauernde Einrichtung. Ein Grund dafür, der Priestermangel wurde schon genannt. Dazu kam noch eine Verringerung der Einkünfte, die es mit sich brachte, daß eine Benefiziat von den Erträgnissen eines Benefiziums nicht leben konnte. In die Zeit Kaiser Friedrichs III. fiel nämliche eine Inflation, die den Wert des Pfennigs erheblich herabsetzte. Die Erträgnisse aus dem landwirtschaftlichen Besitz blieben aber ziffermäßig gleich und durften nicht erhöht werden. Alle Grundbesitzer, die ihre Gründe nicht selbst bewirtschafteten, erlebten damals ein ähnliches Schicksal, als den Besitzern von Miethäusern nach dem ersten Weltkrieg zuteil wurde. Durch die damalige Inflation war der Wert des Geldes auf weniger als ein Zehntausendstel gesunken. Die durch das Mieterschutzgesetz gestoppten Mietzinse waren aber ziffernmäßig gleichgeblieben.

Die Zusammenlegung der zwei Benefizien wurde noch durch einen dritten Umstand begünstigt. Die Messen für das Jüdlstift waren stiftungsgemäß auf dem dritten Marienaltar in der Pfarrkirche zu lesen, jene des Erasmusbenefiziums aber in der Kapelle des Bürgerspitals. Dieses stand ursprünglich in der Wiener Vorstadt an der Westseite der Äußeren Wiener Straße, das ist jener Teil der Wiener Straße zwischen dem Inneren Wiener Tor (bei der Peterskirche) und dem Äußeren Wiener Tor (bei der späteren Vorstadtkirche). Die Wiener Vorstadt war nicht durch Mauern, sondern nur durch „Zäune“, das sind Palisaden, geschützt und darum gefährdeter als die Stadt selbst. In den Kämpfen mit Matthias Corvinus wurde das Spital beschädigt und dann nur notdürftig wiederhergestellt. In den Türkenkriegen um 1529 wurde es „zerstört“, wahrscheinlich abgetragen, um den Feinden keinen Unterschlupf zu geben, falls sie die Wienervorstadt einnehmen sollten. Nachdem mit dem Bürgerspital auch seine Kapelle zerstört wurde, wurde das Benefizium in die Domkirche übertragen.

Vor dem Jahre 1629 (wahrscheinlich bei dem Brand von 1625) war das Haus des Erasmusbenefiziums in der Herrengasse abgebrannt. Der damalige Inhaber des Benefiziums, Herr Georg Faber, verkaufte daraufhin die Brandstatt und kaufte das Haus Frauengasse 2 als Wohnhaus für den jeweiligen Benefiziaten. Um das Haus auch äußerlich als Haus des Erasmusbenefiziums zu kennzeichnen, ließ Faber oder einer seiner Nachfolger über der Eingangstür des Hauses ein Bild aus der Legende des Heiligen malen. Der heilige Erasmus, Bischof und Einsiedler, erlitt unter Diokletian den Martertod. Die realistische Darstellung zeigte auf dem Bilde den Heiligen liegend, wie ihm die Henkersknechte die Gedärme mit einer Winde aus dem Leib reißen.

Es ist kein Wunder, daß ein Betrachter dieses Bildes unwillkürlich an den in der Nähe gelegenen Reckturm und den dort wohnenden Henker erinnert wurde.

Beim Reckturm sah es vor 100 Jahren ganz anders aus als heute. Die Stadtmauer umschloß noch zur Gänze die Stadt und verdüsterte die an ihr gelegenen Gassen. In dem Winkel beim Reckturm, der heute einen kleinen Platz bildet, stand ein altersgraues Gebäude, das Amtshaus genannt. Es war das Gefängnis. Vor der Erbauung des Amtshauses wurde der Reckturm selbst als Gefängnis benützt und trug davon den Namen Stockturm. Stock ist nämlich der alte Name für Gefängnis und davon hatte auch der Kerkermeister den Namen Stocker oder Hutstock (das ist Hüter des Stockes).

An der Südseite des Amtshauses, also dort wo heute die Petersgasse die Stadtmauer durchbricht, stand ein kleineres, von allen Leuten gemiedenes Gebäude, das Freimannshaus. Der Freimann war der Henker. Um seinen Beruf rankten sich grausigdüstere Erzählungen von Folterungen und von Hinrichtungen mit dem Schwert oder mit dem Strang. Im Zuge der sogenannten Aufklärung war aber die Folter abgeschafft worden und Hinrichtungen waren so selten, daß der Henker von diesem Beruf allein nicht leben konnte. Er hatte darum noch einen Nebenberuf, der mit der Zeit zu seinem Hauptberuf wurde; er war auch Schinder.

Noch vor dem ersten Weltkrieg wußte jedermann, was ein Schinder ist. Wenn man aber heute jemanden darüber befragt, wird man entweder keine oder nur eine recht unklare Antwort erhalten. Am ehesten wird man noch hören, daß der Schinder herrenlose Hunde einfing und vertilgte. In manchen Gegenden wurde er deswegen auch Hundsschlager genannt. Diese Tätigkeit des Schinders war seine nebensächlichste. Seine Hauptaufgabe lag – um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen – auf veterinärpolizeilichem Gebiet. In der Zeit, in der es noch keine Veterinärmedizin gab, hatte man doch aus der Erfahrung gelernt, daß die Eindämmung von Tierseuchen, die oft den Tierbestand ganzer Dörfer gefährdete, nur dadurch ermöglicht wurde, daß man die von der Krankheit befallenen Tiere vertilgte und verscharrte. Das war die Aufgabe des Schinders, und darum gab es im Bereich einer jeden Grundherrschaft einen solchen. Die Schinderhäuser standen allgemein abseits der Ortschaften. Das Schinderhaus der Herrschaft Starheimberg z.B. stand in dem kleinen, hinter der Ruine gelegenen Tal, das davon heute noch den Namen Schindergraben trägt. Daß der Neustädter Schinder in der Stadt selbst seßhaft war, ist eine Seltenheit, und im die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde er auch aus der Stadt, auf die Sauberstorfer Straße, verwiesen.

Der Schinder hatte also, wie eben erwähnt, die Kadaver kranker Tiere zu beseitigen. Bevor er das aber tat, suchte er alles Verwendbare für sich zu verwerten. Vor allem zog er den Tieren die Häute ab, und davon hat er auch seinen Namen. Das Wort schinden, dem wir heute die Bedeutung plagen oder schwer arbeiten zuschreiben, hatte im Mittelalter die Bedeutung abziehen oder abschälen.

Diese Bedeutung hat sich nur noch in dem Wort „abschinden“ erhalten. Der Schinder wird aber auch Abdecker genannt und auch diese Bezeichnung geht auf das Abhäuten der Tiere zurück. Die Jäger benennen ja heute noch die Haut des Wildes als Decke. Neben den Häuten verwertete der Schinder noch die Haare, besonders die der Pferde, und schließlich noch das tierische Fett. Das von dem Kadaver dann noch Übriggebliebene verscharrte er auf dem „Schindanger“ unter dem Rasen und davon hat er seinen vierten Namen, nämlich Wasenmeister (Wasen = Rasen).

Dadurch, daß der Schinder immer mit Kadavern zu tun hatte, bekam er eine genaue Kenntnis von den Organen der Tiere, die ja im Wesen jenen der Menschen ähnlich sind. Er hatte also eine bessere Kenntnis von den inneren Organen als manche mittelalterliche Ärzte, denen ein Verbot der Kirche die Leichenöffnung nicht gestattete. Wissensdurstige Ärzte suchten sich diese Kenntnisse zu eigen zu machen, und der große Arzt Paracelsus ( 1541) sagte von sich selbst, dass er seine Kenntnisse bei „Landfahrern, Nachrichtern (=Henkern) und Scherern“ (=Barbierern oder Wundärzten) gesammelt habe).

Diese Kenntnisse der Schinder und das aus der Erfahrung vieler Generationen erworbene Wissen um einfache Heilmittel brachten es mit sich, daß er nicht nur bei Krankheiten der Tiere um Rat gefragt wurde. Auch der arme Mann, für den ärztlichen Rat zu teuer und oft auch nicht zu haben war, wandte sich an ihn um Mittel gegen verschiedene Krankheiten. Eines dieser Mittel, das vor 60 bis 70 Jahren noch allgemein bekannt war, ist das Hundeschmalz, das bei Lungenkrankheiten (Tbc) innerlich und äußerlich angewendet wurde.

So kam gegen Ende des 18. Jahrhunderts einmal ein Bauer in die Neustadt, um Hundeschmalz zu kaufen. Weil er aber das Schinderhaus nicht wußte, erkundigte er sich am Pfarrplatz darnach. Er traf aber auf einen Mann, der sich einen üblen Scherz erlaubte. Dieser zeigte ihm die ungefähre Richtung und meinte, er werde das Schinderhaus schon an dem darauf gemalten Bild erkennen. Als der Bauer auf dem Haus des Erasmusbenefiziums die Darstellung der Marterszene sah, hielt er es richtig für das gesuchte Haus und brachte dort sein Anliegen vor.

Der damalige Bewohner des Hauses, der Domherr Georg Müller, war darüber so erbost, daß er die Bildtafel umkehren ließ. Auf der bis da leere Rückseite der Tafel ließ er den heiligen Erasmus mit dem Heiligenschein (das ist in der Glorie) malen. Durch die Verlegung des Bistums von Wiener Neustadt nach St. Pölten, kam Müller mit den anderen Domherrn auch nach St. Pölten, wo er 1801 oder 1802 als Dompropst starb. Die Domherrenhäuser, darunter auch das Haus des St.-Erasmus-Benefiziums wurden verkauft und so bürgerlich. Einer der nachfolgenden Besitzer des Hauses ließ die Bildtafel wieder umkehren, und so konnte man bis zum Ende des zweiten Weltkrieges wieder die Marterszene sehen. Während des Krieges wurde die Front des Hauses beschädigt, und bei der Renovierung drehte man die Tafel neuerdings um. Die (nicht sichtbare Rückseite) zeigte die Marterszene und die Vorderseite jetzt ein Bild, das wohl die Aufnahme des Heiligen in den Himmel darstellen soll.

Friedrich Kozak

Quelle: Unser Neustadt – Blätter des Wiener-Neustädter Denkmalschutzvereines Folge 1 / 9. Jahrgang / März 1965